Leseprobe

Die ersten Seiten


Einleitung und erstes Kapitel aus „In Ruhe anfangen“ — vollständig, ohne Kürzung. Etwa zehn Minuten Lesezeit. Keine Anmeldung, kein Download.

Einleitung

Was dieses Buch nicht verspricht


Die meisten Ratgeber über Geld beginnen mit einem Versprechen. Dieses beginnt mit einer ehrlichen Einordnung: Reich wird dich dieses Buch nicht machen. Ruhiger im Umgang mit deinem Geld schon — und das ist, ehrlich gesagt, das Wertvollere.

Dass ich das so nüchtern sehe, hat auch mit meinem Beruf zu tun. Ich bin Arzt, und aus der Medizin bringe ich zwei Gewohnheiten mit, die bei der Geldanlage mehr wert sind, als man vermuten würde.

In meiner Zeit im Krankenhaus habe ich etwas beobachtet, das mich nicht mehr losgelassen hat. Ich hatte Kollegen, die ein gutes Gehalt bezogen — Ärztinnen und Ärzte, die für dieses Gehalt in Schichten arbeiteten, nachts, an Wochenenden, in Vierundzwanzig-Stunden-Diensten. Und trotzdem habe ich mehr als einmal mitbekommen, wie jemand den Chef fragte, ob er noch zusätzliche Dienste übernehmen dürfe. Nicht wegen eines Sportwagens. Wegen einer Nebenkostennachzahlung.

Das sind Menschen, die sechs Jahre studiert haben, die Herzinfarkte behandeln und Medikamentendosierungen im Kopf umrechnen. Über Geld hat mit ihnen nie jemand gesprochen. In der Schule nicht, im Studium nicht, zu Hause meistens auch nicht.

Genau da fängt dieses Buch an.

Was du hier nicht bekommst

Ich verspreche dir keine finanzielle Freiheit. Ich habe das früher selbst geschrieben und halte es heute für unehrlich.

Rechne einmal nach: Wer von seinem Vermögen leben will, ohne es aufzubrauchen, braucht dafür — je nach Ansatz und Lebensstandard — grob das Fünfundzwanzig- bis Dreißigfache seiner Jahresausgaben. Bei sehr bescheidenen 2.000 € im Monat sind das 600.000 bis 720.000 €. Bei einem normalen Familienleben liegt man schnell im siebenstelligen Bereich. Wer dir erzählt, dass du das mit 100 € im Monat und dem richtigen Geheimtipp erreichst, verkauft dir etwas.

Ich verspreche dir auch keine Rendite. Niemand kann das seriös, und wer es tut, sollte dich misstrauisch machen.

Was du hier bekommst

Zwei Dinge, und die sind nicht klein.

Erstens: Du vermeidest die teuren Anfängerfehler. Die meisten Menschen verlieren an der Börse kein Geld, weil die Märkte gefallen sind. Sie verlieren es, weil sie im falschen Moment verkauft haben, weil sie ein Produkt gekauft haben, das sie nicht verstanden, weil sie alles auf einen Wert gesetzt haben, oder weil eine Steuerzahlung sie überrascht hat, mit der sie nicht gerechnet hatten. Diese Fehler kosten real Tausende von Euro, und sie sind alle vermeidbar. Das ist der unspektakulärste und der wertvollste Teil dieses Buchs.

Zweitens: Du verbesserst deine Altersvorsorge spürbar. Nicht dramatisch, nicht über Nacht, aber spürbar — und zwar aus eigener Kraft, ohne einen Vermittler, der an dir mitverdient. Was das konkret bedeutet, rechnen wir uns später in Ruhe an.

Das war's. Kein drittes Versprechen.

Was ich aus der Medizin mitbringe

Zwei Gewohnheiten, die bei der Geldanlage mehr wert sind, als man vermuten würde: eine bestimmte Art, Behauptungen zu prüfen, bevor man ihnen folgt — und den Grundsatz, den Ablauf festzulegen, bevor der Ernstfall eintritt. Beides kommt in diesem Buch ausführlich vor. Das eine gleich im ersten Kapitel, das andere ganz am Ende.

Was ich ausdrücklich nicht tue: dir sagen, was du kaufen sollst. Ich bin kein Anlageberater, ich darf das nicht, und ich will es auch nicht. Dieses Buch erklärt, wie die Dinge funktionieren und wie du selbst entscheidest. Die Entscheidung bleibt bei dir.

Was sich seit der letzten Auflage geändert hat

Ich habe die Vorgängerbücher 2020 und 2021 geschrieben, mitten in einer Zeit, in der es auf dem Sparbuch praktisch keine Zinsen gab und manche Banken sogar Gebühren auf Guthaben verlangten. Mein wichtigstes Argument war damals: Es gibt keine Alternative.

Dieses Argument stimmt heute nicht mehr, und ehrlich gesagt war es auch damals kein gutes. Wer sein Fundament auf ein Zinsniveau baut, verliert das Fundament, wenn sich das Zinsniveau ändert. Genau das ist passiert: Tages- und Festgeld werfen wieder etwas ab, Anleihen ebenfalls. Das ändert nichts daran, dass langfristiges Investieren sinnvoll ist — aber die Begründung ist eine andere geworden, und sie ist besser.

Dazu ist eine Reihe von Dingen neu, die es 2021 noch nicht oder kaum gab: eine Steuer auf ETFs, die viele Anleger jedes Jahr im Januar überrascht. Eine Diskussion darüber, ob der beliebteste Aktienindex der Welt überhaupt noch so breit gestreut ist, wie alle glauben. Broker, die sich wie Handyspiele anfühlen. Und eine staatliche Förderung für Kinderdepots.

Und ich selbst bin ein anderer Anleger geworden. Ich habe seit damals zwei Kinder bekommen und ungefähr die Hälfte meiner freien Zeit verloren. Was ich früher an Aufwand für selbstverständlich hielt, ist es nicht mehr. Vieles in diesem Buch ist deshalb einfacher geworden — nicht, weil ich weniger weiß, sondern weil ich weniger Zeit habe. Ich vermute, dir geht es ähnlich.

Wie das Buch aufgebaut ist

Vier Blöcke, in dieser Reihenfolge, und die Reihenfolge ist Absicht. In genau dieser Folge passieren die Fehler.

  1. I

    Der Kopf

    Warum an der Börse der Kopf mehr entscheidet als die Zahlen, welche Denkfehler dabei am teuersten sind, und wie du herausfindest, welcher davon bei dir arbeitet.

  2. II

    Die Landkarte

    Wo du stehst, wie viel Risiko zu dir passt, und ein Schema, mit dem du dir deine eigene Anlagestruktur baust.

  3. III

    Das Handwerk

    Das konkrete Wie. Depot, Kosten, Auswahl, Steuern, Sparplan. Der längste Teil.

  4. IV

    Die Absicherung

    Die Mythen, die Fehler und das, was du tust, wenn es kracht.

Wenn du nur Zeit für einen Block hast, nimm Block III. Wenn du schon einmal angefangen und wieder aufgehört hast, fang bei Block I an. Dort liegt in aller Regel der Grund.

Block I · Kapitel 1

Warum an der Börse der Kopf mehr entscheidet als die Zahlen


Es gibt eine unbequeme Beobachtung, mit der ich anfangen will, weil sie fast alles erklärt, was danach kommt.

Wenn man untersucht, welche Rendite Anlegerinnen und Anleger tatsächlich erzielen, und sie mit der Rendite der Fonds vergleicht, in die sie investiert haben, klafft dazwischen eine Lücke. Der durchschnittliche Anleger schneidet messbar schlechter ab als die Fonds, die er besitzt. Nicht, weil er die falschen Fonds gewählt hätte — sondern weil er zum falschen Zeitpunkt ein- und ausgestiegen ist. Gekauft, als es sich gut anfühlte, nachdem die Kurse schon gestiegen waren. Verkauft, als es sich schlecht anfühlte, nachdem sie gefallen waren. Das Produkt war in Ordnung. Das Verhalten war das Problem.

Diese Lücke hat einen Namen — in der Fachliteratur die behavior gap — und sie wird seit Jahren immer wieder dokumentiert. Ihre genaue Größe schwankt und wird gelegentlich zu hoch angesetzt; darauf komme ich gleich, denn genau diese Unterscheidung — welche Zahl trägt und welche wackelt — ist der Kern dessen, was ich dir in diesem Buch beibringen will. Aber die Richtung ist unstrittig: Ein erheblicher Teil dessen, was Menschen an der Börse verlieren, verlieren sie nicht an den Markt.

Sie verlieren es an sich selbst.

Das ist die Prämisse dieses Buchs, und sie steht mit Absicht ganz vorne: Der teuerste Faktor bei der Geldanlage ist nicht der Markt, nicht die Gebühren, nicht die Steuer und nicht die Auswahl der einzelnen Wertpapiere. Es ist das eigene Verhalten. Alles andere — und wir gehen es später gründlich durch — ist danach deutlich einfacher, als die meisten glauben. Ein breit gestreuter Sparplan ist in zwanzig Minuten eingerichtet. Die Fakten dazu bekommst du heute kostenlos, in dreißig Sekunden, von jeder künstlichen Intelligenz. Was du nicht geschenkt bekommst, ist die Fähigkeit, ruhig zu bleiben in dem Moment, in dem dein Depot dreißig Prozent im Minus steht und alles in dir verkaufen will.

Deshalb fängt ein Buch, das dir bei der Geldanlage wirklich helfen soll, nicht bei den Aktien an. Es fängt beim Kopf an.

Die Brille, die ich mitbringe

Ich bin Arzt, und aus diesem Beruf bringe ich eine Angewohnheit mit, die an der Börse überraschend viel wert ist: die Unterscheidung zwischen einer Anekdote und einem Beleg.

In der Medizin lernt man früh, dass „bei meinem Patienten hat es geholfen“ nichts beweist. Ein einzelner Fall kann Zufall sein, geschönt oder falsch erinnert. Erst wenn sich etwas über viele Menschen und gegen den Zufall zeigt, wird aus einer Geschichte ein Befund. Genau diese Brille setze ich in diesem Buch auf — auch bei mir selbst. Wenn ich dir etwas als belegt verkaufe, sage ich dir, woher es kommt. Und wenn eine beliebte Zahl in Wahrheit auf wackligem Fundament steht, sage ich dir das ebenfalls.

Ein Beispiel gleich hier: Die eben erwähnte Renditelücke wird in manchen Quellen dramatisch hoch beziffert. Diese besonders hohen Werte stammen oft aus einer Methodik, die Fachleute seit Langem kritisieren. Seriösere Auswertungen kommen zu kleineren, aber immer noch deutlichen Zahlen. Für dich als Leser ändert das nichts am Kern — die Lücke ist real — aber es ist der Unterschied zwischen „ich habe irgendwo eine schockierende Zahl gelesen“ und „ich weiß, welcher Zahl ich trauen kann“. Dieses Buch soll dich auf die zweite Seite bringen.

Warum uns das Stillhalten so schwerfällt

Weil unser Gehirn nicht für die Börse gebaut ist.

Es ist über Hunderttausende von Jahren dafür optimiert worden, kurzfristige Gefahren zu überleben — nicht dafür, einen Anlagehorizont von dreißig Jahren zu überblicken. Ein fallender Kurs löst dieselben uralten Alarmmechanismen aus wie eine körperliche Bedrohung: Der Körper drängt auf sofortiges Handeln — Flucht, Sicherheit, raus hier. Für eine reale Gefahr ist das eine hervorragende Ausstattung. Für ein Wertpapierdepot ist es die zuverlässigste Methode, im ungünstigsten Moment die falsche Entscheidung zu treffen.

Das ist keine Charakterschwäche und kein Mangel an Intelligenz. Es ist die Grundausstattung, mit der wir alle an dieses Thema herangehen — Professorinnen, Piloten und Ärzte ausdrücklich eingeschlossen. Die gute Nachricht ist: Man kann diese Muster nicht abschalten, aber man kann sie kennen, an sich erkennen und ihnen ausweichen. Das ist erlernbar. Und es ist, ehrlich gesagt, der wertvollste Teil dieses ganzen Buchs.

Was jetzt kommt

Die nächsten Kapitel handeln deshalb von etwas, das in den meisten Finanzratgebern fehlt: von den systematischen Denkfehlern, die uns beim Geld immer wieder unterlaufen. Nicht als weiche Psychologie zum Wohlfühlen, sondern als das, was sie sind — gut untersuchte, benennbare Mechanismen, die reales Geld kosten.

Wir schauen uns an, warum Verluste ungefähr doppelt so schwer wiegen wie gleich große Gewinne — und was dieses Ungleichgewicht mit deinen Entscheidungen macht. Warum wir ausgerechnet das kaufen, was gerade alle kaufen. Warum sich die große Mehrheit für überdurchschnittliche Anleger hält, was statistisch nicht sein kann. Und warum das mit Abstand häufigste „Anlegerverhalten“ darin besteht, gar nicht erst anzufangen.

Für jeden dieser Denkfehler gilt dasselbe Versprechen: Er ist belegt, er ist teuer, und er ist vermeidbar, sobald du ihn siehst.

Danach — erst danach — reden wir über Depots, ETFs und Sparpläne. Nicht, weil die Reihenfolge dramaturgisch hübsch ist, sondern weil sie über den Erfolg entscheidet. Ich habe genug Menschen erlebt, die alles Nötige wussten, ein Depot eröffnet hatten und trotzdem am eigenen Verhalten gescheitert sind. Wissen war nie ihr Problem.

Fangen wir also da an, wo das Geld wirklich gewonnen und verloren wird: nicht im Markt, sondern zwischen den Ohren.

— Ende der Leseprobe —

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In Ruhe anfangen


189 Seiten, 26 Kapitel, 40 Abbildungen. Dazu 6 Arbeitsblätter und 6 Begleitmails. Sofort als Download, ohne Wartezeit.

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Information und Bildung, keine Anlageberatung. Kapitalanlagen können an Wert verlieren.